Museumsblog

Ein wertvolles Geschenk für die Stadt Recklinghausen

Überlegungen zur Bedeutung privater Sammler*innen für das Ikonen-Museum

Im letzten Jahr hat der Ikonensammler Dr. Reiner Zerlin der Stadt Recklinghausen und ihrem Ikonen-Museum eine bemerkenswerte Schenkung von fast 250 Ikonen gemacht, welche derzeit in der Kunsthalle Recklinghausen ausgestellt wird. Ein Grund, über die Bedeutung privater Sammler für das Ikonen-Museum nachzudenken.

Die im Text erwähnten Bilder befinden sich unten in der Bildergalerie.

Was hat es mit dem Sammeln auf sich?

Sammeln liegt in der Natur des Menschen, man kann es als anthropogenen Prozess bezeichnen. Schon früheste archäologische Funde dokumentieren den Drang des Menschen, besondere Objekte von ideellem oder ästhetischem Wert zu sammeln und manchmal auch zu präsentieren. Besonders anschaulich wird dies anhand fürstlicher Höfe und großbürgerlicher Familiendynastien der Renaissance. Es gehörte geradezu zum guten Ton, eine Kunst- oder auch Wunderkammer einzurichten. Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt zur Öffnung verschiedener privater Sammlungen zum Zweck der Lehre und natürlich der Selbstpräsentation. Ich denke da an die Schausammlung des Collegio Romano im Vatikan oder an die Sammlung der berühmten Medici, die seit den 1580er Jahren in den Uffizien ausgestellt wurde – um nur zwei der prominentesten Beispiele zu nennen.

Beobachtet man den Verlauf der Geschichte weiter, wird deutlich, dass das Sammeln von Antiquitäten und Naturalien, von Büchern, Graphiken und Kunstwerken stetig zugenommen hat, ebenso das Anliegen, die eigenen Kostbarkeiten öffentlich zu präsentieren oder sie für einen lehrreichen Zweck zur Verfügung zu stellen. In Kassel eröffnete 1779 das Fridericianum, ein erstes für die allgemeine Öffentlichkeit gegründetes Museum, das die vom hessischen Landgrafen Friedrich II. zusammengetragenen Kunstobjekte beherbergte. Entwicklungsgeschichtlich setzt hier, im 18. Jahrhundert, ein Prozess ein, der letztendlich darauf drängt, Besitz und Bildung nicht nur einer elitären Minderheit zuzugestehen – er kulminierte erstmals in der Französischen Revolution, die bei aller Zerstörung, ebenso wie noch zukünftige Revolutionen, Anstoß für bedeutende Museumsgründungen war.

Doch ich schweife ab …

Wo finden wir in Deutschland Ikonen in frühen privaten Sammlungen?

Im 19. Jahrhundert haben Museumsgründungen geradezu Hochkonjunktur. Und nicht wenige dieser Museen verdanken ihren Grundstock sorgfältig zusammengestellter Kollektionen einzelner Privatpersonen. Als Fundament für die Königliche Gemäldesammlung zu Berlin kaufte der Staat 1821 zum Beispiel über 3000 Gemälde aus der Sammlung des englischen Kaufmanns Edward Solly (1776–1845). Das war eine beeindruckende Kollektion und ein großer Ankauf. Sogar Goethe, der selbst ein passionierter Sammler war, und andere prominente Persönlichkeiten korrespondierten über dieses Ereignis. Unter den Bildern befand sich auch eine Gruppe vornehmlich griechischer und kretischer Ikonen von teils hochrangigem Wert. Ein Teil der Ikonen aus der Sammlung Solly ist seit 1999 als Dauerleihgabe im Ikonenmuseum Frankfurt zu sehen. In Altenburg machte der Politiker, Gelehrte und Kunstsammler Bernhard August von Lindenau (1779–1854) seit 1848 seine private Sammlung öffentlich zugänglich. Auch er besaß ausgewählte Tafeln im italo-griechischen Stil.

Wie kam die russische Ikone nach Deutschland?

Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man in Russland die Ikone neu. Man begann, die Ikone nicht nur als religiöses Kultobjekt, sondern auch als begehrtes Sammlerstück zu betrachten. Und hier beginnt meines Erachtens die eigentliche Geschichte des Ikonensammelns, wobei das Sammeln und Erforschen der Ikone vor der Oktoberrevolution stark von der Kirche und noch mehr vom Geschmack privater Sammler bestimmt wurde. Es waren vorrangig Ikonenliebhaber wie Stepan Rjabušinskij (1874–1942), Il’ja Ostrouchov (1858–1929) oder Nikolaj Lichačev (1862‒1936), die eine treibende Kraft auf diesem Gebiet waren, Restauratoren engagierten, Ausstellungen organisierten – sie beteiligten sich aktiv an einer Erforschung und Popularisierung der Ikone als Kunstwerk.

Mit der Revolution änderte sich die Lage der Kirche sowie privater Sammler gleichsam über Nacht. Die Erforschung und Restaurierung der Ikonenmalerei wurde jedoch vorangetrieben, und dies auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau, das nun weder von der Kirche noch einzelnen Sammlerpersönlichkeiten bestimmt wurde. Der neue Sowjetstaat verfolgte ein Projekt. Er suchte nicht nur nach einem autonomen Fundament der eigenen kulturellen Identität, sondern wollte mit einer riesigen Kampagne den westlichen Kunstmarkt begeistern für die unzähligen Ikonenschätze, die durch Enteignungen in den Museums-Depots gelandet waren. Ein neuer Wirtschaftszweig sollte so für die Durchführung der eigenen idealisierten Ziele aufgebaut werden. Also organisierte man 1929 eine große Internationale Ikonenausstellung, welche in Berlin eröffnet wurde und dann in verschiedenen deutschen Städten, in Wien, London und dann in Amerika zu sehen war.

Obwohl nicht sofort, so eroberte die Kunst der Ostkirche nach und nach den westlichen Kunstmarkt und Privatsammler in Deutschland, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn viele der späteren Sammler waren durch ihren Dienst an der Front in Kontakt mit dieser faszinierenden, im Glauben Trost spendenden Kunst gekommen; andere entdeckten sie im Zuge der Ikonenausstellungen, die seit der Nachkriegszeit in Deutschland gezeigt wurden – organisiert von Dr. Heinrich Wendt (1901–1956), einem Ikonensammler, der für das Ikonen-Museum Recklinghausen noch große Bedeutung haben sollte (Bild 1).

Der private Sammler – Impulsgeber für die Gründung des Ikonen-Museums

Der Erfolg dieser Ikonenausstellungen ließ auch bei der Leitung der Kunsthalle Recklinghausen den Wunsch reifen, eine solche Schau im eigenen Haus zu veranstalten. Wer hätte da geahnt, dass daraus schließlich ein so bedeutendes Museum der ostkirchlichen Kunst in Recklinghausen entstehen würde! Aber so war es tatsächlich: Anfang 1955 zeigte die Kunsthalle eine Ikonenausstellung mit verschiedenen privaten Leihgaben aus Deutschland, die beim Publikum überaus erfolgreich war. Thomas Grochowiak (1914–2012), der damalige Direktor der Kunsthalle, erfuhr damals, dass Dr. Heinrich Wendt und Prof. Dr. Martin Winkler (1893–1982), zwei der bedeutendsten Ikonensammler und Leihgeber für die Ausstellung ihre Sammlungen verkaufen wollten (Bild 2: Ikone aus der Sammlung Winkler). Diese Information führte bei Grochowiak zu der Idee, ein Ikonen-Museum für die Stadt Recklinghausen zu gründen eine Idee, die er mit Engagement und Durchsetzungsvermögen in die Tat umsetzte.

So wurde im Sommer 1956 das Ikonen-Museum Recklinghausen eröffnet. Der Grundstock von 74 Ikonen aus den oben genannten Sammlungen war bis dahin bereits um 150 Exponate, ebenfalls teils aus Privatbesitz, erweitert worden. Bis heute sind es fast 4000 Objekte geworden, die zum Inventar dieses überaus bedeutenden und besonderen Museums zählen. Während der Bestand des Ikonen-Museums in den ersten Dezennien durch Ankäufe aus verschiedenen Kollektionen gebildet und erweitert worden ist, veränderte sich die Situation etwa seit den 1990er Jahren durch das Wegfallen wichtiger finanzieller Mittel. An diesem Punkt spielte wiederum der private Sammler, seine Passion für die Kunst der Ostkirche und ihre sachgemäße Aufbewahrung und wissenschaftliche Aufarbeitung sowie Popularisierung eine große Rolle. Denn seitdem kamen glücklicherweise immer mehr Schenkungen und Nachlässe dem Museum zugute, die häufig von Mitgliedern des Fördervereins des Ikonen-Museum EIKON. Gesellschaft der Freunde der Ikonenkunst e.V. kamen.

Eine Reise in die Welt des Sammlers

Manche der privaten Sammler werden namentlich genannt. Dies hat mich immer dazu inspiriert, weiter nachzuforschen, es macht das Museum lebendig und füllt es mit Geschichten: Wer war der Sammler? Woher hatte er die Ikone einst bekommen? Warum entschied er sich bei einem Kauf genau für diese Ikone? Oder war es ein Geschenk? Gibt es Fotos vom Sammler? Viele Fragen bleiben natürlich unbeantwortet. Doch manche Namen geben etwas Persönliches von sich preis, nehmen einen mit auf eine Reise in die Welt des Sammlers. Zweifellos gehören Martin Winkler und Heinrich Wendt zu den Sammlern, über die am meisten zu erfahren ist. Aber auch die aus Wien stammende Kunsthistorikerin Fannina Halle (1881–1963), die 1957 zehn Ikonen an das Ikonen-Museum verkaufte, ist eine faszinierende Persönlichkeit. Ebenso der Kunsthändler Alexander Popoff (1885–1965), aus dessen Nachlass 50 Ikonen für das Ikonen-Museum angekauft wurden (Bild 3).

Die Sammlung Dr. Reiner Zerlin

Nun ist im letzten Jahr eine bedeutende Sammlung zum Bestand des Ikonen-Museums hinzugekommen. Dr. Reiner Zerlin (*1939) hat der Stadt Recklinghausen und ihrem Ikonen-Museum ein unglaublich wertvolles Geschenk gemacht! Etwa 250 Objekte der ostkirchlichen Kunst, davon fast 170 Ikonen auf Holztafeln aus der Zeit zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert, gab Zerlin in die Obhut des Ikonen-Museums. Die Ikonen der Sammlung Zerlin zeugen von der Leidenschaft des Sammlers für die Bildwelt der Ostkirche, für ihre Geschichte und ihren Ritus, für ihre besondere Ästhetik und Spiritualität – Ikonen als lebendige Wächter über die gläubige Verehrung. Reiner Zerlins Bruder Jochen verriet in einem Interview, dass eine fein gemalte russische Ikone des Erzengels Michael aus dem 16. Jahrhundert eins der Lieblingsstücke des Sammlers ist (Bild 4). Sie ist mit einem kostbaren Silberbasma versehen, dessen buntes, florales Muster aus Emaille einen kontrastreichen Blickfang zur Malerei bildet. Als ein Herzstück der Sammlung begrüßt die Ikone den Besucher der derzeitigen Ausstellung der Sammlung Zerlin in der Kunsthalle Recklinghausen im Erdgeschoss. Sie ist eine Einladung für einen Streifzug durch die vielfältige Welt der Ikonen, zu dem diese erlesene Sammlung den Besucher einlädt.

Ana Faye Bachmann, M.A.

An die Kette gelegt: Heilige Helfer gegen Epidemien

Die Verbreitung des neuartigen Corona-Virus COVID-19 ruft momentan der modernen Welt ihre Verletzlichkeit ins Gedächtnis. Gerade im Bewusstsein der westlichen Welt mit ihren vergleichsweise hochentwickelten medizinischen Vorsorgekapazitäten war die Angst vor endemischen Krankheiten und Seuchen eher gering ausgeprägt und wurde von den meisten Menschen wohl in erster Linie mit dem finsteren Mittelalter verknüpft. Bis ins 20. Jahrhundert hinein gehörte diese Sorge allerdings zum alltäglichen Leben und wurde in Zeiten der Not oder der äußeren Bedrohung umso stärker. Man suchte nach himmlischen Zeichen des Unheils – und nach Mitteln, dieses abzuwehren. Dazu gehörten auch Heilige und ihre Ikonen, die im Kampf gegen die Pest oder Cholera oft eine prominente Rolle einnahmen. Einige möchten wir Ihnen vorstellen. Die Bilder mit den dazugehörigen Informationen finden Sie in der Bildergalerie unterhalb des Textes (zum Start auf eines der Bilder klicken).

Zu Beginn werfen wir einen kurzen Blick auf eine bekannte Ikone aus Novgorod (Bild 1). Sie zeigt eine Vision des Kirchendieners Tarasius vom Untergang der Stadt. Rechts erhebt sich dunkel der Ilmensee in einer riesigen Welle und schickt sich an, alles zu verschlingen; eine rote Wolke aus Feuer schwebt drohend über der Stadt. Von der detailreichen und überaus vielschichtigen Darstellung interessieren uns besonders die feurigen Pfeile, die von Engeln aus den himmlischen Wolken auf die Bewohner der Stadt abgeschossen werden: Ein mittelalterliches Symbol für die Pest.

Hl. Charalampos

Wie schützte man sich nun vor der Pest oder ähnlichen Gefahren? Man rief darauf spezialisierte Heilige an und beschaffte sich ihre Ikonen. Der wichtigste Pestheilige der Ostkirche ist der heilige Charalampos von Magnesia. Er soll schon während seines Prozesses – der mit seinem Martyrium endete – mehrere Heilungswunder vollbracht haben und unter anderem auch die Frau des Kaisers Septimius Severus geheilt haben. Aus diesem Grund wird er als Schutzpatron gegen Pest, Cholera und Viehseuchen verehrt; entsprechend stieg die Nachfrage nach seinen Ikonen bei Ausbrüchen von Seuchen an. Er wird hier im Bischofsornat dargestellt, zu seinen Füßen liegt eine niedergeworfene, gehörnte Gestalt mit einer Sense (2): Der pestbringende Dämon wird vom triumphierenden Heiligen buchstäblich an die Kette gelegt.

Hl. Sissinios

Vergleichsweise selten sind Ikonen mit dem heiligen Sissinios von Kyzikos (von denen wir leider auch keine in unserer Sammlung besitzen). Es heißt, dass Sissinios Dämonen zur Preisgabe ihrer geheimen Namen zu zwingen vermochte und auf diese Weise Macht über sie erlangte. Einst soll er am Meer über das Wasser kommende Fieberdämonen erspäht und Gott um Hilfe angerufen haben. Der Erzengel Sikhael kam herbei und vertrieb die Dämonen (Sikhael wird in einem Moses zugeschriebenen magischen Text über die Erzengel als Herr über Schüttelfrost und Fieber angerufen). Auf Ikonen ist oft Michael dargestellt, der die Dämonen mit einem Speer in die Unterwelt hinabstößt, während Sissinios betend daneben steht. Diese Ikonen sollen Haushalte vor Fieberkrankheiten und der Pest schützen, im Umlauf waren auch entsprechende Amulette und magische Gebetsformeln.

Hl. Spyridon

Häufig wandten sich die Menschen einer durch die Pest bedrohten Region natürlich an ihren lokalen Schutzpatron. Ein Beispiel dafür ist der hl. Spyridon, der Schutzheilige Korfus. Er soll die Insel mehrfach vor der Pest bewahrt haben. Auf der Ikone (3) ist der Schrein im Kircheninneren dargestellt, in welchem der Leichnam des Heiligen als Ganzkörperreliquie verwahrt und präsentiert wird. An zwei speziellen Feiertagen zur Erinnerung an das wundersame Eingreifen des Heiligen wird dieser Schrein auch heutzutage in einer feierlichen Prozession durch die Straßen getragen: Am Palmsonntag (Rettung vor der Pest 1630) und am ersten Sonntag im November (Rettung vor der Pest 1673).

Muttergottesikonen

Diese Pestausbrüche gehörten zur sogenannten zweiten Pandemie, die Europa im 17. und 18. Jahrhundert wiederholt heimsuchte und auch in Russland wütete, vor allem in den Jahren 1654/55 und 1771. Bei der Bewältigung dieser Epidemie spielten Muttergottesikonen eine wichtige Rolle. Sie waren generell wichtige Ansprechpartner für die Heilung von schweren Krankheiten und aus diesem Grund in Zeiten der Pest besonders gefragt. Stellvertretend dafür steht die Ikone der Muttergottes „Lindere meinen Kummer“, auf der sich Maria mit der rechten Hand eine Träne von der Wange wischt (4).

Die Ikone der Muttergottes Jugskij-Kloster (Jugskaja), benannt nach einem Fluss im Nordwesten Russlands, soll die Region vor der Pest des Jahres 1654 bewahrt haben. Bei diesem Typus (5) handelt es sich um eine Variante der Iverskaja. Eine Variante der Muttergottes von Smolensk heißt Muttergottes der „Sieben Seen“ (Sedmiezernaja). Der Titel bezieht sich auf den Aufbewahrungsort dieser Ikone in einem Kloster, das  sich in einer von sieben Seen umgebenen Wildnis bei Kasan befand. Als Kasan 1654 von der Pest getroffen wurde, brachten die Bewohner die bereits für ihre Wunder bekannte Ikone in die Stadt, woraufhin die Epidemie nachließ. Später sahen die Menschen, dass die rechte Hand der Muttergottes – die bei der Smolenskaja auf das Kind weist – ihre Position verändert hatte und nun im Segensgestus aufgerichtet war. Auch als die Pest im Jahr 1771 erneut auftrat, wurde die Ikone in die Stadt geholt und soll das Ende der Epidemie bewirkt haben.

Die Ikone der Muttergottes von Kaluga wurde der Legende nach 1748 in einem Dorf in der Nähe der Stadt gefunden. Sie zeigt Maria, die in einem aufgeschlagenen Buch liest (6) – deshalb hielt man die Ikone zunächst für die Darstellung einer Nonne. Nachdem man die Muttergottes erkannt hatte, brachte man die Ikone in die Kirche der Geburt Mariens in Kaluga. Als 1771 die Pest die Stadt erreichte, wurde auch diese Ikone in Bittprozessionen durch die Straßen getragen. Und auch hier soll der Krankheit durch die Ikone Einhalt geboten worden sein. Diesem Ereignis ist ein spezieller Festtag am 12. Oktober gewidmet.

In Moskau spielten Ikonen bei beiden Pestausbrüchen 1654 und 1771 eine Rolle. im Sommer 1654 begann der Patriarch Nikon eine Kampagne gegen Ikonen, die von der althergebrachten Maltradition abwichen; besonders Einflüsse aus der westlichen, katholischen Kunst waren ihm ein Dorn im Auge. Er ließ Nachforschungen in der Stadt anstellen und die entsprechenden Ikonen beschlagnahmen, öffentlich zur Schau stellen und zerschlagen. Bei der Bevölkerung kam die Zerstörung so vieler Ikonen allerdings nicht gut an; als kurz darauf die Pest ausbrach, deutete man sie als Strafe Gottes für das Vorgehen des Patriarchen gegen die heiligen Bilder. Die folgenden Unruhen zwangen Nikon dazu, die Aktion zu beenden (obgleich er sie im nächsten Jahr wiederaufnahm). Weniger glimpflich verliefen die Ausschreitungen während der sogenannten Moskauer Pestrevolte 1771, zu der eine Ikone des Typus der Muttergottes von Bogoljubovo (7) den Anlass gab. Im Zuge der Pestwelle in diesem Jahr soll Moskau die Hälfte seiner Einwohner verloren haben; die öffentlichen Schutzmaßnahmen (zu denen auch ein Versammlungsverbot und die Quarantäne der Erkrankten in ihren Häusern gehörten) hatten wenig Erfolg. Nach der Vision eines Arbeiters wandte sich die einfache Bevölkerung an die Ikone der Bogoljubskaja um Hilfe. Dass sich die Menschen an diese Ikone wandten, hängt vermutlich mit der Darstellung des demütig knienden Beters (Großfürst Andrej Bogoljubskij, 1157-1174) zusammen, für den die Muttergottes bei Christus Fürbitte einlegt. Die sich bei der Ikone versammelnden Menschenmengen erhöhten das Infektionsrisiko allerdings enorm, woraufhin Regierung und Erzbischof die Ikone aus ihrer Kapelle unweit des Kremls entfernen lassen wollten. Dies löste einen gewalttätigen Aufstand der Bevölkerung aus, die in diesem Akt einen Raubversuch vermutete und den Erzbischof schließlich lynchte.

Bei dem Motiv der Muttergottes der sieben Schmerzen (Bild 8) wird ihr Herz von sieben Schwertern durchbohrt, zurückgehend auf die Prophezeiung des Simeon bei der Darbringung Christi im Tempel gegenüber Maria: „Deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden“ (Lk 2:35). Der Legende nach fand ein Bauer das Urbild dieser Ikone als Bodenbrett in der Kirche des Hl. Johannes des Theologen außerhalb von Vologda. Während einer Cholera-Epidemie im Jahr 1830/31 führte die Bevölkerung die Ikone in einer Bittprozession durch die Stadt. Dass danach die Zahl der Kranken zurückging und die Epidemie schließlich endete, schrieb man dem wundertätigen Wirken der Ikone zu.

Die Ikonen 2, 4 und 7 werden in der Ausstellung „Pest! Eine Spurensuche“ des LWL-Museums für Archäologie in Herne (20. September 2019 – 10. Mai 2020) gezeigt, die momentan ebenfalls geschlossen ist. Der umfangreiche Katalog (https://pest-ausstellung.lwl.org/de/publikationen/) ist im Buchhandel erhältlich – unterstützen Sie bei einem eventuellen Kauf bitte Ihre lokalen Buchhändler, von denen viele trotz der Schließung ihrer Ladenlokale mit großem Einsatz für Ihre Kunden tätig sind.

Bleiben Sie gesund!

Eine Ikone eines bisher unbekannten Malers

Eine Ikone mit den drei Heiligen der Ionischen Inseln
Gerasimos von Kephalonia, Spyridon von Korfu und Dionysios von Zakynthos

Griechenland (Ionische Inseln), 1859
Eitempera auf Holz, 113,4 x 83,0 cm
Geschenk des Fördervereins Ikonen-Museum Recklinghausen e.V.  2018
Inv.-Nr. 669

Die 2018 dem Museum geschenkte Ikone der drei Ionischen Heiligen ist von großer Qualität. Sie wurde im Jahr 1859 höchstwahrscheinlich auf den Ionischen Inseln angefertigt. Diese Inselgruppe wurde im 13. Jahrhundert der byzantinischen Herrschaft entzogen und gehörte vom 14. bis 18. Jahrhundert zu Venedig. Nach französischen und russischen Intermezzi wurde sie 1809 britisch und 1864 schließlich dem jungen griechischen Staat eingegliedert. Im Bereich der Kunst trafen hier zwei Strömungen aufeinander, die byzantinisch-kretische und die italienische (Spätrenaissance, Barock, Rokoko). Im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte sich der italienische Einfluss immer mehr durch, wenngleich insbesondere in der Ikonenmalerei traditionelle Malweisen nie verdrängt wurden. Eine wichtige Rolle kam hier kretischen Malern zu, die im Zuge der zunehmenden Bedrohung Kretas durch die Osmanen im 17. Jahrhundert (endgültige Eroberung 1669) auf die Ionischen Inseln flohen, sich dort niederließen und arbeiteten.

Die Heiligen

Bei den drei dargestellten Heiligen handelt es sich um die Schutzpatrone der drei größten Inseln (Korfu, Zakynthos, Kephalonia). Der heilige Spyridon (ca. 270–350) kam als Hirte auf Zypern zur Welt und wirkte dort als Bischof. Angesichts der arabischen Teileroberung Zyperns brachte man seine Reliquien Ende des 7. Jahrhunderts nach Konstantinopel in Sicherheit. Nach dem Fall der Stadt im Jahr 1453 gelangten sie nach Korfu, wo sie in einer dem Heiligen geweihten Kirche verehrt werden. Sein offizieller Gedenktag ist der 12. Dezember, der Schrein wird aber auch an vier anderen Feiertagen zur Erinnerung an das wundersame Eingreifen des Heiligen zugunsten Korfus in feierlicher Prozession durch die Straßen getragen: Am Palmsonntag (Rettung vor der Pest, 1630), Karsamstag (Abwendung einer Hungersnot, 1553), 11. August (Ende einer osmanischen Belagerung, 1716) und am ersten Sonntag im November (Rettung vor der Pest, 1673).

Gerasimos (1509–1579) gehörte zur Familie Notaras, einer der bedeutendsten aristokratischen Familien im späten Byzanz, die auch in nachbyzantinischer Zeit einflussreich blieb. Gerasimos hielt sich längere Zeit in Konstantinopel, auf dem Athos (hier wurde er Mönch) und in Jerusalem auf, wo er für etwa zehn Jahre in der Anastasis-Kirche am Grab Christi als Küster Dienst tat. Nach seiner Rückkehr gründete er 1561 auf Kephalonia ein Kloster mit dem Namen „Neues Jerusalem“. Heute ist dieses Kloster dem Heiligen Gerasimos geweiht, dessen Gebeine dort verehrt werden. 1622 wurde er durch die Synode von Konstantinopel heiliggesprochen. Gerasimos wird am 16. August und am 20. Oktober verehrt (an diesem Tag öffnete man im Jahr 1851 den Sarkophag und fand seine sterblichen Überreste intakt und unversehrt vor).

Dionysios von Zakynthos (1547–1624) war ebenfalls Sohn aristokratischer Eltern. 1568 wurde er Mönch, 1570 Priester. Als er sich 1577 während einer Pilgerreise ins Heilige Land in Athen aufhielt, weihte ihn der Athener Erzbischof zum Bischof der Inseln Ägina und Poros. Er hielt sich nicht lange auf den Inseln auf, sondern kehrte schon 1579 nach Zakynthos zurück. 1624 starb er und wurde auf der Strophadeninsel Stamphani beigesetzt. Im Jahr 1717 überführte man seinen Sarkophag nach Zakynthos, wo er sich bis heute in der dem Heiligen geweihten Kirche befindet. Dionysios wurde 1703 heiliggesprochen und wird vor allem aufgrund von Krankenheilungen verehrt. Seine Feiertage sind der 17. Dezember und der 24. August (Überführung seiner Reliquien nach Zakynthos)

Allen drei Heiligen ist gemein, dass sie als Ganzkörperreliquien erhalten sind. Ihre Leichname wurden unverwest und wohlduftend  vorgefunden, was in der hagiographischen Literatur ein wiederkehrendes Zeichen für Heiligkeit und wunderwirkende Kräfte ist. Die Reliquien werden in Schreinen mit gläsernen Sichtfenstern verwahrt. Auch heute noch werden während der jeweiligen Festtagsprozessionen Wunderheilungen verzeichnet.

Die Ikone

Die Ikone ist von einem schwarzen Streifen umrahmt. Daran schließt sich ein roter Streifen an, über den sich mit goldener und rötlich-brauner Farbe gemalte Blattranken ziehen, die ins Bildfeld hineinreichen. Diese Bordüre imitiert barocke Ikonenrahmen aus Holz, die (nicht nur) auf den Ionischen Inseln oft vorkommen. Die Ionischen Heiligen sind als Dreiergruppe angeordnet: In der Mitte befindet sich Spyridon, aus Betrachterperspektive links Gerasimos und rechts Dionysios. Alle drei sind durch goldene Namensbeischriften auf dem grünblauen Hintergrund identifiziert. Am unteren Rand der Ikone befindet sich eine Inschrift mit den Namen der Stifter, einer Datumsangabe und der Signatur des Malers: „Gebet/Fürbitte der Diener Gottes Demetrios Romas und Demetrios Rizos. 2. April 1859. Durch die Hand des Philippos Hagiotaphites.“ Weder Stifterfamilie noch Maler sind bisher bekannt.

Spyridon ist an seinem ‚Markenzeichen‘ stets gut zu erkennen, der korbartigen Hirtenkappe. Gerasimos und Dionysios tragen eine schwarze Kapuze, das Epanokalymmauchon hochrangiger Mönche, das auf Ikonen auch bei der Darstellung von Bischöfen aus dem Mönchsstand verwendet wird. Die würdevollen Gesichter und die Bärte aller drei Heiligen sind mit größter Sorgfalt ausgeführt und zeigen in besonderem Maße das künstlerische Können des Malers. Spyridon und Dionysios tragen ihrem Weihegrad entsprechend bischöfliche Gewänder und Insignien. Auf ihren Schultern liegt das mit Kreuzen geschmückte Omophorion, vor der Brust tragen beide ein ovales, schmuckumrahmtes Medaillon, auf denen die Apostel Petros (bei Spyridon) und Paulos (bei Dionysios) als Halbfiguren abgebildet sind. Auf dem unter dem Mantel getragenen Epitrachelion (die priesterliche Stola) des Spyridon sind drei weitere, unbeschriftete Heiligenfiguren (Apostel oder Propheten) zu sehen. Auf dem rautenförmigen, unterhalb der rechten Hüfte getragenen Epigonation ist bei Spyridon der nach beiden Seiten segnende Christus, bei Dionysios und Gerasimos ein Seraph oder Cherub dargestellt. Spyridon und Dionysios halten in der linken Hand das Evangelium, welches im Falle des Dionysios mit der Abbildung eines heiligen Bischofs in einem ovalen Bildfeld auf dem Buchrücken versehen ist.

Spyridon hält in der rechten Hand einen kleinen, rechteckigen Gegenstand, aus dem oben Flammen züngeln und unten Wassertropfen herabfallen. Es handelt sich um den Verweis auf eines seiner bekanntesten Wunder: Spyridon nahm am ersten ökumenischen Konzil von Nikaia im Jahr 325 teil, auf dem unter dem Vorsitz Kaiser Konstantins über die Natur Christi und die Dreifaltigkeit gestritten wurde. Um letztere zu versinnbildlichen, nahm Spyridon einen Tonziegel in die Hand und ließ daraus Feuer und Wasser entspringen: So wie der gebrannte Ziegel ein einziges Objekt sei, das aber aus drei Elementen bestehe (Erde, Wasser, Feuer), gebe es auch drei Hypostasen des einen Gottes.

Der als Mönch gekleidete Gerasimos hält anstelle des Evangeliums eine geöffnete Schriftrolle mit folgendem Text in griechischer Sprache: „Nicht, wenn wir die Sünde begehen, werden wir Sünder, sondern wenn wir sie nicht hassen und [keine] Reue über sie empfinden.“ Dabei handelt es sich um ein Zitat aus den Schriften des Heiligen Isaakios von Ninive (ca. 640–700). Diesen Text habe ich bisher auf keiner anderen Ikone des Gerasimos gefunden.

Über dem Kopf Spyridons ist eine weitere Szene dargestellt: Die Krönung Marias durch die Dreifaltigkeit in einem Himmelssegment, ein westliches Bildthema, das in dieser Form im 15. Jahrhundert entwickelt wurde. In Regionen unter abendländischem Einfluss wurde es manchmal von orthodoxen Ikonenmalern aufgenommen, auch auf den Ionischen Inseln befinden sich weitere Beispiele aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Ansonsten knüpft die Ikonographie der Ikone an Maltraditionen an, die sich seit dem späteren 16. Jahrhundert vor allem unter dem Einfluss kretischer Künstler etablierten und von den lokalen Malern weiterentwickelt wurden.

Der Maler

Der Maler Philippos Hagiotaphites ist bisher unbekannt. Sein Name verweist auf eine Beziehung zum Heiligen Grab in Jerusalem (Hagios Taphos). Das Epitheton „Hagiotaphites“ führten und führen die Kleriker des griechisch-orthodoxen Patriarchats in Jerusalem, die sich in der „Heiligen Bruderschaft des Heiligen Grabes“ (Hiera hagiotaphitikē Adelphotēs) zusammengeschlossen haben. Wann und aus welchem Grund Philippos Jerusalem verließ, lässt sich leider nicht sagen. Ein Metochion (Dependance) des Patriarchats auf den Ionischen Inseln ist soweit ich sehe nicht bekannt (man denke etwa an Ieremias Palladas, einen Priestermönch des Sinai-Klosters, der Anfang des 17. Jahrhunderts im Metochion seines Klosters auf Kreta als Ikonenmaler wirkte). Die Hypothese, dass er das Heilige Land im Zuge der schweren Krise des Patriarchats in den 1820er Jahren verlassen haben könnte, wäre allzu spekulativ. Da ihm die Vita des Gerasimos sicherlich gut bekannt war, ist eine Verbindung zum Kloster dieses Heiligen zumindest denkbar: Gerasimos zählte als ehemaliger Küster der Grabeskirche ebenfalls zu den Hagiotaphiten und hatte sein Kloster „Neues Jerusalem“ genannt. Was lässt sich sonst über den Maler sagen? Nach Ausweis seiner Ikone war er ein eher konservativer Maler, der sich auf Vorbilder aus dem 17. und dem 18. Jahrhundert bezog. In der feinen, realistischen Malweise der Gesichter und Bärte folgt er einem stilistischen Trend, der verstärkt im 19. Jahrhundert zu beobachten ist. Philippos malte seine Ikone traditionell, nahm aber fremde Einflüsse  auf und befand sich im Detail durchaus am Puls der Zeit. Die Ikone ist zweifellos ein herausragendes Zeugnis der Ionischen Ikonenmalerei des 19. Jahrhunderts.

Die Taufe Christi

Girgis Al Musawwir (zugeschr.)
Syrien (Aleppo), 2. Hälfte 18. Jahrhundert
Eitempera auf Zedernholz, 35,3 x 27,5cm
Ankauf 2013 (Inv.-Nr. 3767)

Nach dem Bericht der vier Evangelien wurde Christus im Jordan durch Johannes den Täufer getauft, wobei der Heilige Geist in Gestalt einer Taube erschien und eine Stimme vom Himmel herab die Worte sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (bei Joh 1:29-34 fehlt die himmlische Stimme, hier ist es Johannes selbst, der bezeugt: „Dieser ist der Sohn Gottes“). In diesen Worten sieht die Kirche die erste Offenbarung des göttlichen Wesens Christi. Deshalb nennt man das Fest der Taufe am 6. Januar Theophanie, die Erscheinung Gottes, der sich hier zudem in seinen drei Hypostasen offenbarte: Vater, Sohn, Heiliger Geist.

Die Ikonographie der Darstellung auf Ikonen variiert in ihren Grundzügen nur wenig (Bild 1). In der Mitte der Ikone steht Christus in dem von hoch aufragenden Felsen begrenzten Jordanfluss. Er ist nur mit einem Lendentuch bekleidet (er konnte auch nackt, aber ohne Genitalien gezeigt werden. Eine diesbezügliche Ausnahme stellen die Kuppelmosaike der beiden Baptisterien von Ravenna aus dem 5. Jahrhundert dar, in denen noch die spätantike, hellenistische Kunsttradition lebendig ist). Vom linken Uferrand beugt sich Johannes herab, um Christus mit der Geste des Handauflegens zu taufen. Am anderen Ufer neigen sich vier Engel mit ehrfürchtig verhüllten Händen vor dem Sohn Gottes, über dessen Haupt die aus dem Himmelsegment herabfliegende Taube als Symbol des Heiligen Geistes schwebt.

Die verhüllten Hände der Engel gehen auf eine antike Verehrungspraxis zurück, die im byzantinischen Hofzeremoniell fortgeführt wurde: Würdenträger und Gesandte mussten mit verhüllten Händen vor den Herrscher treten, um dessen geheiligte Person nicht zu beflecken – besonders dann, wenn etwas empfangen oder übergeben wurde. Sehr schön nachvollziehen lässt sich diese Praxis auf einem Mosaik in Sant' Apollinare Nuovo in Ravenna, auf dem die drei Weisen aus dem Morgenland auf die vom himmlischen Hofstaat umgebene, thronende Muttergottes mit Kind zuschreiten: Zwei von ihnen bringen ihre Gaben mit verhüllten Händen dar (Bild 2). Manchmal werden die Tücher über den Händen der Engel auch als Handtücher interpretiert, mit denen sich Christus abtrocknen sollte. Als solche wurden sie vor allem in der westlichen Kunst öfter dargestellt, alternativ auch als Gewänder Christi. Als (willkürlich gewähltes) Beispiel dient hier ein ostfriesischer Taufstein aus dem 13. Jahrhundert im Ostfriesischen Landesmuseum Emden (Bild 3). Bekannter ist ein Gemälde der Taufe Christi von Andrea del Verrocchio, an dem auch Leonardo da Vinci mitwirkte (2. Hälfte 15. Jahrhundert).

In den Fluten zu Füßen Christi sind Fische, die auf einem Seeungeheuer reitende Personifikation des Meeres sowie die des Jordan in Gestalt eines antiken Flussgottes mit einem Krug in der Hand wiedergegeben, was ebenfalls antike, vorchristliche Traditionen weiterführt. In Psalm 114 (113 nach Septuaginta-Zählung) heißt es:

„Als Israel aus Ägypten auszog, das Haus Jakobs aus dem Volk mit fremder Sprache, da wurde Juda sein Heiligtum, Israel das Gebiet seiner Herrschaft. Das Meer sah es und flüchtete, der Jordan wandte sich rückwärts (...). Was ist mit dir, du Meer, dass du flüchtest, du Jordan, dass du rückwärts dich wendest (...)? Vor dem Angesicht des Herrn tanze, du Erde, vor dem Angesicht des Gottes Jakobs, der den Fels zum Wasserteich wandelt, Kieselgestein zu quellendem Wasser.“

Während die Meeresgestalt tatsächlich zu fliehen scheint, wird der sich abwendende Jordan von Christus gesegnet. In einem liturgischen Gesang des frühmorgendlichen Gottesdienstes am Ostertag heißt es, dass Christus in den Jordan stieg, um das Wasser zu heiligen, was erneut auf den Beginn des Erlösungswerkes verweist (in diesem Hymnus werden auch die Engel erwähnt, die in den Evangelienberichten nicht auftauchen). Noch heute wird in den orthodoxen Kirchen am 6. Januar das Fest der Wasserweihe begangen. Der Zelebrant wirft zum Abschluss ein Kreuz ins Wasser, nach dem die Männer tauchen (Bild 4). Demjenigen, der das Kreuz schließlich aus dem Wasser holt, soll ein besonders glückliches Jahr bevorstehen. Nach wie vor ist dies traditionell Männern vorbehalten, was in einem aktuellen mazedonischen Film problematisiert wird („Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“, 2019, siehe jip-film.de/gott-existiert-ihr-name-ist-petrunya/ - Danke an Florin Filimon für den Hinweis).

Zurück zur Ikone: Johannes der Täufer trägt als Wüstenbewohner unter seinem Mantel ein hier hellblaues Gewand aus Kamelhaaren, woran er stets gut zu erkennen ist. Die Axt zwischen den Zweigen des kleinen Baumes zu seinen Füßen versinnbildlicht die an seine Täuflinge gerichtete Mahnung (Matth 3:10): „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“

Soweit zu den ikonographischen Details. Bei dem hier gezeigten Exponat handelt es sich um eine melkitische Ikone aus dem 18. Jahrhundert. Der aus dem Aramäischen stammende Begriff „melkitisch“ bezeichnet etwas königliches, zu einem Herrscher oder Reich gehöriges; er meint hier die Christen des Orients, die sich zum Konzil von Chalkedon (451) bekannten und sich als Untertanen des byzantinischen Kaiser verstanden, während die miaphysitischen Christen das Konzil ablehnten und eine eigene, vom byzantinischen Reich unabhängige Kirche etablierten. Typisch für die Herkunft der Ikone aus dem Nahen Osten ist der griechisch geschriebene Titel „Die Taufe Christi“ und eine arabische Stifterinschrift aus dem Jahr 1900 auf der Rückseite, die den Ort Zahlé im Libanon erwähnt. Ebenso charakteristisch für melkitische Ikonen sind die feinen Rankenornamente auf dem Hintergrund und der abwechselnd auf schwarzem und weißem Grund mit Ranken geschmückte Rand.

Die Ikone kann aus stilistischen Gründen dem Maler Girgis Al-Musawwir aus Aleppo zugeschrieben werden, aus dessen Familie zwischen 1650 und dem Ende des 18. Jahrhunderts über vier Generationen hinweg bekannte Ikonenmaler stammten. Eine fast identische Ikone der Taufe Christi aus seiner Hand befindet sich in der Sammlung „Naji und Hoda Skaff“ und war z. B. in der Ausstellung „Chrétiens d'Orient: 2000 ans d'histoire“ (26. September 2017 bis  14. Januar 2018, L’Institut du Monde Arabe, Paris) zu sehen. Der sehr schöne Katalog dieser Ausstellung ist u. a. hier erhältlich:

https://www.imarabe.org/fr/boutique/produit/chretiens-d-orient-2000-ans-d-histoire

Bildnachweise:

Bild 1: Ikonen-Museum Recklinghausen
Bild 2: WikiCommons
Bild 3: Ostfriesisches Landesmuseum Emden, private Aufnahme
Bild 4: „Greece is Mykonos“ Bd. 1, 2016, S. 92. Quelle: Panayiotis Kousathanas, „Mykonos, a Photographic Memento, Bd. 1 (1885-1950)”.

 

Lukas malt die Ikone der Muttergottes von Kykkos

Zypern, 18. Jhd., Eitempera auf Holz, 36 x 23,5 cm (Inv.-Nr. 56)

Der 26. Dezember ist in Russland der Gedankentag der Kykkotissa oder Kikkskaja - der Ikone der Gottesmutter vom Kykkos-Kloster, das sich im Troodos-Gebirge auf Zypern befindet. Das ist ein geeigneter Anlass, Ihnen die in der Sammlung des Museums befindliche Ikone „Lukas malt die Ikone der Muttergottes von Kykkos“ zu präsentieren. Das Motiv des Evangelisten und Apostels Lukas ist unseren Lesern schon bekannt – die Monatsikone vom Oktober 2019 zeigte ihn beim Malen der Ikone der Muttergottes Hodegetria.

Der Legende nach wurde auch diese Ikone vom Apostel Lukas gemalt und mit anderen Ikonen nach Ägypten geschickt. Während des byzantinischen Bilderstreits sollte sie per Schiff in Sicherheit gebracht werden – doch Sarazenen kaperten das Schiff und raubten die Ikone, die aber schließlich von den Griechen gerettet werden konnte. Ab 980 wurde sie im kaiserlichen Palast in Konstantinopel aufbewahrt. Nach Zypern gelangte sie demnach während der Regierungszeit des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos (1081–1118). Als Dank für die Heilung seiner Tochter stiftete er das Kykkos-Kloster und soll ihm die wertvolle Muttergottesikone geschenkt haben. Als kaiserliche Stiftung war das Kloster entsprechend reich ausgestattet, wurde zu einem der wichtigsten Klöster der orthodoxen Welt (mit Landbesitz in Kleinasien und später sogar in Russland) und ist einer der meistbesuchten Orte Zyperns.

Die Ikone befindet sich bis heute in der Ikonostase der Klosterkirche – verborgen unter einer Silberverkleidung und verhüllenden Tüchern. Nach ihrem Aufbewahrungsort wird sie als „Muttergottes von Kykkos“ bzw. „vom Kykkos-Kloster“ bezeichnet. Aufgrund der ihr zugeschriebenen Wunder wurde sie häufig kopiert und zog zahlreiche Pilger an; selbst Muslime sollen die Ikone verehrt haben.

Unsere Ikone war ursprünglich die mittlere Tafel eines Triptychons. Die Ikonographie folgt dem Typus der Eleousa („Die Barmherzige“, griech.). Dieser Ikonentypus betont die mütterliche Nähe Marias zu ihrem Sohn sowie die volle Menschlichkeit Christi, der menschliche Regungen zeigt. Maria hält mit der rechten Hand die Hand des sich rührenden Kindes. Christus hat eine Schriftrolle in der rechten Hand. Der griechische Text zitiert Lukas 4,18 bzw. Jesaja 61,1: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe.“ Mit der linken Hand greift Christus nach dem in Wellen herabhängenden Kopfschleier Marias. Charakteristisch ist das Strampeln des sich in den Armen seiner Mutter windenden Christus, der „ungeduldig“ die Passion anstrebt. Auch die traurigen Blicke von Mutter und Kind, in die gleiche Richtung außerhalb des Bildes gerichtet, weisen auf die Bestimmung Christi hin. Die beiden Engel zu Seiten des Kopfes Marias begegnen schon im 12. Jahrhundert, die Bekrönung Marias ist indes eine spätere Erscheinung nach westlichem Vorbild. Der wesentlich kleiner wiedergegebene Lukas steht neben den beiden Figuren und vollendet sein Werk mit einem letzten Pinselstrich.

 

Text: Marina Vitchenko

Muttergottes von Kasan

Russland, Mitte 17. Jahrhundert, Eitempera auf Holz, 31,8 x 27,0 cm
Nachlass Gabriele von Horn, Bad Salzdetfurth 2018 (Inv.-Nr. 4075)

Die Ikone der Gottesmutter von Kazan oder Kazanskaja ist eine der berühmtesten Ikonen Russlands, die an zwei Gedenktagen offiziell verehrt wird: Am 8. Juli, dem Tag ihrer wundersamen Auffindung, und am 4. November (22. Oktober nach julianischem Kalender). An diesem Tag gedenkt man der Befreiung Moskaus im Jahr 1612 von polnisch-litauischen Truppen mithilfe der wundertätigen Ikone.

Der Legende nach erschien die Gottesmutter einem Mädchen namens Matrona in der Stadt Kazan kurz nach der Eroberung der Stadt durch die Armee des Zaren im Juni 1579 und teilte ihr den Ort mit, an dem die Ikone zu finden sei. Sie wurde in einem niedergebrannten Haus entdeckt, wo sie während der Tatarenherrschaft über die Stadt versteckt gehalten worden sein soll. Der Brand hatte die in ein Tuch gewickelte Ikone nicht beschädigt. Sogleich kam es zur wundersamen Heilung eines Blinden durch die Ikone, die daraufhin in einer feierlichen Prozession in die Verkündigungskathedrale von Kazan gebracht wurde. Hier geschah ein zweites Heilungswunder. Als der Zar Ivan IV. („der Schreckliche“) über die wundertätige Ikone informiert wurde, befahl er den Bau einer Kirche und eines Frauenklosters am Ort ihrer Auffindung.

Nach dem Tod von Ivans Sohn und Nachfolger Feodor I. im Jahr 1598 begann in Russland eine Zeit der Wirren (russ. Smuta), die erst mit dem Herrschaftsantritt des ersten Zaren aus der Romanov-Familie 1613 endete. Moskau wurde 1605 von einem polnisch-litauischen Heer besetzt. Am 4. November gelang es einem von den beiden Nationalhelden Kozma Minin und Fürst Dmitrij Požarskij angeführten russischen Aufgebot, die Hauptstadt zurückzuerobern. Eine große Rolle wurde dabei der Ikone der Muttergottes von Kazan zugeschrieben, die das russische Heer begleitete. In den folgenden Jahrhunderten blieb sie im religiösen, aber auch politischen Leben Russlands stets von großer Bedeutung. Über ihr Schicksal gibt es widersprüchliche Überlieferungen, sie gilt heute als verschollen. Das Ikonen-Museum besitzt mehrere Kopien des Gnadenbildes.

Die nur in Russland bekannte Ikonographie zeigt das Brustbild der Muttergottes nur bis zum Schulteransatz. Sie neigt ihren Kopf Christus zu, der an ihrer linken Seite aufrecht steht und die rechte Hand segnend erhebt, während die linke durch sein Gewand verdeckt ist.

Text: Marina Vitchenko

Lukas malt die Ikone der Gottesmutter Hodegetria

Byzanz, Anfang 15. Jh. Eitempera auf Holz, 26,4 x 18,3 cm
Ikonen-Museum Recklinghausen (Inv.-Nr. 424)

Der heilige Lukas wird am 18. Oktober verehrt. Er ist bekannt als einer der vier Evangelisten, Autor der Apostelgeschichte und einer der 70 Apostel, die von Christus ausgesandt wurden um seine Botschaft zu verkünden. Weiterhin gilt er als der erste Ikonenmaler, was auf unserer Ikone dargestellt ist. Sie wird auf den Anfang des 15. Jahrhunderts datiert. Es dürfte es sich um die früheste erhaltene Wiedergabe des Themas auf einer Ikone handeln, wo es generell nur selten anzutreffen ist (die ältesten Darstellungen sind zwei byzantinische Handschriften-illustrationen aus dem 13. Jahrhundert). Forschungen von Frau Dr. Eva Haustein-Bartsch ergaben, dass die Ikone Teil eines Polyptychons war, welches mindestens acht Darstellungen enthielt. Es wurde 1963 in seine Einzelteile zerschnitten, von denen einige in verschiedenen Museen identifiziert werden konnten.

Unsere Ikone zeigt Lukas auf einem Stuhl sitzend, wie er die Ikone der Muttergottes mit dem Jesuskind vollendet. Er soll das Bild noch zu Lebzeiten der Muttergottes gemalt haben. „Die Gnade dessen, der geboren wurde durch mich, sei mit diesem Bild“ soll sie freudig gesagt haben, als sie das Bild sah. Diese Legende wird erstmals im 8. Jahrhundert erwähnt, kurz vor Beginn der unter dem Begriff „Ikonoklasmus“ gefassten Auseinandersetzung um die Bilderverehrung in Byzanz. Legenden über die Existenz originaler Porträts von Christus und der Gottesmutter spielten in dieser Auseinandersetzung eine wichtige Rolle: Wenn Christus selbst einen Tuchabdruck seines Gesichts hervorbrachte (das Mandylion, siehe Ikone des Monats August) und die Gottesmutter sich von Lukas malen ließ und die Ikone sogar segnete, war eigentlich kein Widerspruch mehr gegen die Ikonenmalerei und –verehrung möglich. Aus diesem Grund ist Lukas auch der Schutzheilige der Ikonenmalerinnen und -maler.

Die von Lukas gemalte Ikone ist die der Hodegetria, die im Hodegon-Kloster von Konstantinopel verehrt wurde und 1453 bei der Eroberung der Stadt durch die Osmanen zerstört wurde. Der Legende nach fertigte Lukas mehrere Porträts der Gottesmutter an, so dass neben der in Kopien fortlebenden Hodegetria weitere Ikonen als Lukasbild verehrt werden. Dazu gehören die Ikone der Gottesmutter von Vladimir (siehe Ikone des Monats Juni) und die unter dem Titel „Salus Populi Romani“ bekannte Ikone, die sich in der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom befindet.

Text: Anika Richter

Muttergottes „Unverbrennbarer Dornbusch“

Russland, 17. Jh., Eitempera auf Holz, 31 x 28 cm
Ikonen-Museum Recklinghausen (Inv.-Nr. 325)

Der 4. September ist der Tag, an dem die orthodoxe Kirche die Ikone der Muttergottes „Unverbrennbarer Dornbusch“ verehrt. Die Textvorlagen für dieses Motiv liegen im Alten Testament, in Hymnen und in apokryphen Texten. Schon von den Kirchenvätern wurde die Muttergottes wird mit dem Dornbusch verglichen, aus dem Gott auf dem Berg Horeb zu Mose sprach. Der Dornbusch brennt zwar, doch verbrennt er nicht. Die Ikone setzt die typologische Interpretation dieses Ereignisses ins Bild. In ihr hat sich das Feuer, welches Gott ist, niedergelassen. Doch bleibt sie ebenso wie der Busch, unversehrt: Das Motiv verdeutlicht die Jungfräulichkeit der Gottesmutter.

Auf russischen Ikonen wird dieser Vergleich in zahlreichen Details und kleinen Szenen ins Bild gesetzt. Im Zentrum befindet sich die Gottesmutter mit dem Kind. Vor ihrer Brust erscheint Christus erneut in einer Miniatur des himmlischen Jerusalem, ihre rechte Hand liegt über einer Leiter. Nach dem bekannten Hymnus Akathistos (griech. „nicht-sitzend“, d. h. im Stehen gesungen) war Maria die Leiter, auf der Christus zur Erde hinabstieg. Die gekrönte rote Figur unterhalb ihrer rechten Schulter ist ebenfalls Christus in Gestalt der Sophia, der göttlichen Weisheit.

Die sternförmige, achteckige Struktur weist auf den achten Tag der Schöpfung hin, den Sonntag, der als achter Tag der Woche und gleichzeitig Beginn der neuen Woche gezählt sowie als Tag der Wiederauferstehung gefeiert wird. Das vordere Viereck in grün kann als Symbol für den Dornbusch gesehen werden, das rote Viereck symbolisiert analog dazu das Feuer. Die Gottesmutter ist umgeben von den Evangelistensymbolen und zahlreichen Engeln, die durch die Inschriften als Mächte verschiedener Naturphänomene (Feuer, Sturm, Nebel, Wolken, Frost u. a.), aber auch Engel der Rache, der Weisheit und der Vernunft bezeichnet werden. Die Vorstellung von Engeln als „Naturgeister“ findet sich an vielen Stellen im Alten Testament ( z. B. Ps 103), wichtig ist hier auch das pseudepigraphische, d. h. nicht zum Kanon des Alten Testaments gezählte Buch der Jubiläen (2. Kapitel).

In der oberen linken Ecke ist Mose mit dem brennenden Dornbusch zu sehen, in dem die Gottesmutter des Zeichens erscheint. Rechts oben wird meistens die Wurzel Jesse oder der Prophet Jesaja gezeigt. Bei unserer Ikone ist erneut Mose mit einem Engel zu sehen (die Namens-Inschrift ist noch schwach zu entziffern), eine eher seltene Variante. Unten links wird die Vision des Propheten Ezechiel vom Gottestor des himmlischen Jerusalem gezeigt (Ez 44:1-2), unten rechts der Traum Jakobs von der Himmelsleiter (Gen 28:12), beides erneut auf die Jungfrauengeburt hinweisende Typologien. Bei der liegenden Gestalt in der Mitte unten handelt es sich um eine auf den liegenden Stammvater reduzierte Darstellung der Wurzel Jesse. 

Ikonen mit  dem Unverbrennbaren Dornbusch wird die Fähigkeit zugesprochen, wundersam vor Feuer zu schützen oder dieses zu löschen. Bei Hausbränden wird die Ikone von den Gläubigen in Richtung des Feuers gehalten, in der Hoffnung, dass die Flammen nachlassen und das Gebäude intakt bleibt.

Text: Anika Richter

Das nicht von Menschenhand gemachte Porträt Christi

Mandylion

Weißrussland (Vetka?), um 1800
Eitempera auf Holz, 76,5 x 60,5 cm
Erworben 1965 aus der Sammlung
Prof. Dr. Martin Winkler
(Inv.-Nr. 630)

Die orthodoxe Kirche feiert am 16. August das Heilige Mandylion, das an diesem Tag im Jahr 944 in Konstantinopel eintraf. Das Abgarbild, wie das Mandylion auch genannt wird, ist die wohl wichtigste Ikone in der christlichen Geschichte. Denn sie zeigt das Abbild Christi, welches er selbst auf einem Tuch erzeugt haben soll. Der Name Mandylion ist dem arabischen mandil oder mindil entlehnt, was Tuch bedeutet.

Der Legende nach drückte Christus sich ein Tuch auf sein Gesicht, als er von der schweren Krankheit des Königs Abgar V. von Edessa erfuhr, ihn jedoch nicht selbst besuchen konnte. Auf wundersame Weise entstand auf dem Stoff ein  Abdruck des Gesichtes Christi. Er ließ das Tuch zu Abgar schicken, der beim Empfang des Mandylions von seiner Krankheit geheilt wurde. Danach soll das Tuch über dem Stadttor Edessas eingemauert worden sein, wo es bis zum 6. Jahrhundert blieb und in Vergessenheit geriet. Während eines persischen Angriffs auf die Stadt wurde es wiederentdeckt und soll die Rettung der Stadt vor den Persern bewirkt haben. Doch nicht nur das – der Abdruck auf dem Tuch hatte einen weiteren Abdruck auf einem Ziegelstein hinterlassen. Dies unterstützte den Glauben an die Echtheit und Wunderkraft des Tuchs. Der Abdruck auf dem Stein wurde selbst zur Ikone, die als Keramidion bekannt ist.

Am 16. August 944 wurde das Mandylion nach Konstantinopel gebracht und in einer Palastkapelle als Reichspalladion verwahrt. Es verschwand im Jahr 1204 im Zuge der Plünderung Konstantinopels durch den Vierten Kreuzzug.

Auch wenn in den folgenden Jahrhunderten mehrere Mandylia als Original bezeichnet und verehrt wurden, ist nicht einwandfrei gesichert, wo sich das erste Mandylion befindet oder ob es überhaupt noch existiert. Zwei Ikonen, eine im Vatikan, eine weitere in Genua, zeigen einen sehr frühen Darstellungsstil, der sich möglicherweise am Original orientiert haben kann. Die neuere Forschung hält es außerdem für möglich, dass es sich bei dem sogenannten Schleier von Manoppello (Volto Santo) um das ursprüngliche Mandylion handeln könnte.

Doch nicht nur seine Legende und die turbulente Geschichte machen das Mandylion zu einer der wichtigsten Ikonen. Als erstes Bild, das „nicht von Menschenhand geschaffen“ war, stellt es den Archetypus dieser Art Ikone dar und hob das Bilderverbot auf, das im Alten Testament ausgesprochen wurde und um das lange Zeit gestritten wurde. Somit gilt das Mandylion als die erste und definitive Legitimation der Ikonendarstellungen von Christus, Gott und Heiligen.

Das Ikonen-Museum Recklinghausen besitzt mehrere wichtige Ikonen des Mandylions, eine besonders schöne (Abb. 1) wird auf die Zeit um 1800 datiert und stammt wohl aus Weißrussland. Das Gesicht Christi wird ohne Hals und Schulteransatz auf einem reich verzierten Tuch dargestellt. Die Haare sind mittig gescheitelt und fallen zu beiden Seiten des Gesichts hinab. Aus Sicht des Betrachters enden sie links in zwei lockig gewundenen Haarsträhnen, rechts in deren drei. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass hier die dritte, mittlere Strähne nachträglich ergänzt wurde. Diese Aufteilung der Haarsträhnen Christi begegnet auf Ikonen ab dem 17. Jahrhundert häufiger. Grundlage dürfte die christliche Zahlensymbolik gewesen sein: Die Zahl Zwei steht für die göttliche und menschliche Natur in Christus, die Drei für die Dreifaltigkeit.

In Jerusalem wird an der sechsten Station der Via Dolorosa eine Replik dieses Mandylions ausgestellt (Abb. 2). Der Zusammenhang zwischen dem Mandylion und der Station, Santa Veronica, erschließt sich aus der ganz ähnlichen Entstehungslegende des Schweißtuches der heiligen Veronika, welches an der Stelle verehrt wird. Es heißt, Christus habe seinen Abdruck auf einem Tuch hinterlassen, welches ihm von der heiligen Veronika auf seinem Weg zur Kreuzigung gereicht wurde, um sich Blut und Wasser vom Gesicht zu wischen. Die beiden Überlieferungen wurden häufig vermischt, einige (späte) Mandylion-Ikonen zeigen sogar als Randszene die Begegnung Christi mit Veronika.

Zur Feier des Festtags des Mandylions am 16. August sowie anlässlich der Eröffnung der Mandylion-Ausstellung im Ikonen-Museum Recklinghausen am 17. August ist das Mandylion unsere „Ikone des Monats“.

(Text: Anika Richter)

Heilige Marina

Iosif Andreevič Pankryšov
(1859–nach 1921)
Russland(Mstera), 1892
Eitempera auf Holz, 26,5 x 22,5 cm
Erworben 2018 (Inv.-Nr. 4089)

Die hl. Großmärtyrerin Marina von Antiochia (ca. 289–305), die im Westen als hl. Mar­gareta bekannt ist und zu den 14 Nothelfern zählt, wird nur selten auf Ikonen dargestellt. Sie steht in einer wunderschön gemalten Berglandschaft mit Kirchengebäuden und Holzhäusern und wendet sich im Gebet der Heiligen Dreifaltigkeit in der oberen linken Bildecke zu.  In der orthodoxen Kirche wird sie am 17. Juli verehrt.

Über ihr Leben existieren mehrere teils voneinander abweichende Überlieferungen. So soll sie die Tochter eines heidnischen Priesters gewesen sein, die von einer christlichen Amme zum Glauben erzogen wurde; als dies bekannt wurde, ließ der Stadtpräfekt sie martern und enthaupten. Er verhielt sich besonders grausam, weil er die junge Frau begehrte und von ihr abgewiesen wurde. Nach einer anderen Tradition habe der Stadtpräfekt Marina Schafe hüten sehen und begehrte sie daraufhin; weil sie standhaft blieb, ordnete er ihre Folterung an, ließ sie einkerkern und später hinrichten. Im Gefängnis soll sie von einem Drachen verschlungen worden sei, den sie durch das Kreuzzeichen zum Bersten gebracht habe; als ihr dann der Teufel erschien, bezwang sie ihn ebenfalls. Auf Fresken und seltener auf Ikonen sieht man sie manchmal, wie sie den Teufel am Haarschopf packt und mit einem Hammer schlägt.

Nicht nur die qualitätsvolle Malerei und das seltene Motiv machen diese Ikone so einzigartig, sie ist weiterhin datiert und mit einer Malersignatur versehen. Ikonen wurden in Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum großen Teil in Malerwerkstätten hergestellt, die in jeder Stadt, vielen Dörfern und den meisten Klöstern zu finden waren. Berühmt sind die Malerdörfer Palech, Choluj und Mstera östlich von Moskau, in denen nahezu die gesamte Bevölkerung damit beschäftigt war, die große Nachfrage an Ikonen in der Bevölkerung zu befriedigen. Viele Werkstätten entwickelten sich zu regelrechten Manufakturbetrieben, in denen ein Dutzend und mehr Mitarbeiter in standardisierte Arbeitsabläufe eingebunden waren und in kurzer Zeit wenn nötig Dutzende oder hunderte Ikonen anfertigten. Die Qualität hing vom Können des Meisters einer Werkstatt ab und vom Preis, neben Billigware für den Massenmarkt konnte man auch weiterhin hervorragend gemalte Ikonen erwerben. Ikonen wurden von den Meistern dieser Werkstätten nun auch häufiger signiert und datiert, was in früherer Zeit eine absolute Ausnahme war. Ihr Selbstverständnis hatte sich gewandelt: Galten die Ikonenmaler früher als persönlich unwichtige, von Gott gelenkte Instrumente zur Verkündung göttlicher Wahrheit, zeigten sie sich nun als individuelle Künstlerpersönlichkeiten und traten selbstbewusst in der Gesellschaft in Erscheinung.

Die Ikone der hl. Marina ist unten auf der Vorderseite von Iosif Pankryšov signiert. Auf der Rückseite befindet sich der Stempel seiner 1872 gegründeten Werkstatt. Er wurde 1859 in Mstera geboren und übernahm im Alter von 21 Jahren die Ikonenwerkstatt seines Vaters. Wegen der großen Konkurrenz in Mstera übersiedelte er nach Sibirien, wo er am 16. August 1898 seine Werkstatt in Tomsk eröffnete, großen Erfolg hatte und große Anerkennung auch in höchsten Kreisen fand. Nach der Oktoberrevolution wurde seine Werkstatt geschlossen. Die Ikone ist in einem blauen Medaillon mit kyrillischen Buchstaben in der Mitte des unteren Randes datiert, und zwar auf den 28. Februar 1892. Die Ikone von herausragender Qualität ist also in mehrfacher Hinsicht äußerst aufschlussreich und ein wahres Prachtstück der Sammlung des Ikonen-Museums.

Die Muttergottes von Vladimir

Am 23.6. feiert die russisch-orthodoxe Kirche das Fest der Ikone der Gottesmutter von Vladimir (weitere Feiertage sind der 21.5. und 26.8), der wohl berühmtesten Gottesmutterikone Russlands. Ihr Ehrentitel „Mutter der russischen Erde“ weist auf ihren engen Zusammenhang mit der russischen Geschichte hin, die sie über Jahrhunderte begleitete und beeinflusst haben soll. Bei der Ikone handelt es sich um eine ursprünglich byzantinische Arbeit, die im frühen 12. Jahrhundert in Konstantinopel gemalt wurde und zwischen 1131 und 1136 als Geschenk des Patriarchen nach Kiew gebracht wurde. Der späteren Legende nach soll sie vom Evangelisten Lukas noch zu Lebzeiten Marias gemalt worden sein, die dem Bild ihren Segen gab (diese „Lukasbilder“ dienten als eine der wichtigsten Begründungen christlicher Bilderverehrung). 1155 überführte Fürst Andrej von Bogoljubovo die Ikone nach Vladimir, das sich unter seiner Herrschaft zum neuen kulturellen, religiösen und politischen Zentrum Russlands entwickelte und der Ikone ihren Namen gab. Seit 1300 residierte auch der Metropolit von Kiev in Vladimir. 1395 brachte man die Ikone erstmals nach Moskau, wo ein drohender mongolischer Angriff durch ihr Eingreifen abgewendet worden sein soll; ein ähnliches Wunder schrieb man ihr im Jahr 1480 zu, als sie endgültig nach Moskau überführt wurde und die Stadt erneut vor einem tatarischen Heer gerettet haben soll (diesem Ereignis gedenkt man am 23.6.). Bis 1917 blieb die Ikone in der Ikonostase der Mariä-Entschlafen-Kathedrale des Kreml, wo nicht nur die russischen Zaren gekrönt, sondern auch die russischen Patriarchen (seit 1589) eingesetzt wurden. Heute befindet sie sich in der Tretjakov-Galerie (Bild 1).

Die Vladimirskaja entspricht dem Typus der Eleousa (griech. "die Barmherzige") bzw. Umilenie (russ.), der im 11. Jahrhundert in Byzanz entstand. Von der jetzt sichtbaren Malschicht sind lediglich die Gesichter noch weitgehend original erhalten, alle anderen Partien wurden teils mehrfach übermalt – unter anderem durch den berühmten Andrej Rublëv, der sie um 1411 noch in Vladimir erneuerte.

Als wundertätige Ikone wurde die Vladimirskaja unzählige Male kopiert (als sogenannte „authentische Kopie“, welche an der Wirkkraft des Urbildes teilhatte). Auch im Ikonen-Museum befinden sich einige Kopien, die schönste davon stammt aus Moskau und entstand Ende des 15. Jahrhunderts (Bild 2). Die Recklinghäuser Ikone folgt ihrem berühmten Vorbild und zeigt wie dieses das Christuskind auf dem rechten Arm der Mutter sitzend, die ihre Wange an den Kopf des Kindes schmiegt. Christus hat den linken Arm um ihren Hals geschlungen, die rechte Hand hält er ausgestreckt. Maria hat die linke Hand vor ihre Brust erhoben.

Im Depot des Museums befindet sich als weitere Vladimirskaja eine wunderschöne Stickarbeit (Bild 3), die wahrscheinlich als Podea (griech.) bzw. Pelena (russ.) diente, ein meist aufwendig besticktes Tuch, dass als Schmuck unterhalb einer zur Verehrung aufgestellten Ikone aufgehängt wurde. Das Bild wurde zu einem nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt auf den Hintergrundstoff aus Seidenbrokat appliziert, der heutige Zustand entspricht also nicht mehr dem Original. Dennoch verbindet das Stück die Kostbarkeit der verwendeten Materialien mit schlichter Eleganz und Würde zu einem aufs Wesentliche reduzierten, harmonischen Gesamteindruck.

Aktuell ist im Musée du Louvre von Paris eine sehr sehenswerte Ausstellung gestickter liturgischer Stoffe aus Rumänien zu sehen (noch bis zum 29. Juli):

https://www.louvre.fr/expositions/broderies-de-tradition-byzantine-en-roumanie-du-xve-au-xviie-siecleautour-de-l-etendard-

An der begleitenden Tagung am 29.5. war auch das Ikonen-Museum Recklinghausen mit einem Vortrag beteiligt.

Eine Ikone mit politischer Botschaft

Hl. Isaakios vom Dalmatos-Kloster
Russland, nach 1861
Eitempera auf Holz, 51,5 x 43,0 cm
Erworben 2016 (Inv. Nr. 3968)

Im Zentrum der Ikone ist der Hl. Isaakios vom Dalmatos-Kloster in Konstantinopel gemalt, der im 4. Jahrhundert lebte und sich gegen die Häresie der Arianer engagierte. Insbesondere soll er dem arianischen Kaiser Valens beim Auszug aus Konstantinopel seinen Untergang und Tod in der Schlacht von Adrianopel gegen die Goten im Jahr 378 prophezeit haben. Dessen Nachfolger Theodosius I. stärkte die Orthodoxie und bat den aus Syrien stammenden Isaakios, in Konstantinopel zu bleiben, wo er 381 das Dalmatos-Kloster gründete (benannt nach einem Schüler des Isaakios, der ihm als Abt nachfolgte). Sein Gedenktag (30. Mai) war der Geburtstag des russischen Zaren Peter der Große, der ihn deshalb zum Patron der Romanov-Dynastie bestimmte und ihm zu Ehren in St. Petersburg die berühmte Isaakij-Kathedrale bauen ließ. Ein weiterer Gedenktag ist der 3. August.

In den oberen Ecken sind zwei „Nebenikonen“ eingefügt: links Christus mit dem Abendmahlskelch, rechts die „Muttergottes Unerwartete Freude“. Dieses Motiv stellt ein Wunder dar, das sich vor einer Muttergottes-Ikone in Černigov ereignet haben soll. Beschrieben wird es vom Hl. Dimitrij von Rostov in seinem Werk „Das benetzte Vlies“, sein Bericht ist in dem weißen Textfeld zu lesen. Demnach betete ein gesetzloser Mann täglich vor besagter Ikone und sah eines Tages mit Schrecken, dass sich Mutter und Kind bewegten und aus Händen und Füßen des Kindes Blut strömte. Die Gottesmutter redete dem Mann ins Gewissen, der daraufhin seine Sünden einsah und bereute. Der Dialog zwischen Gottesmutter und Beter ist durch zwei zwischen den Figuren platzierte Textlinien wiedergegeben. Ikonen dieses Typus entstanden erst im 19. Jahrhundert und erfreuten sich großer Beliebtheit. Das Fest dieser Ikone begeht die russisch-orthodoxe Kirche am 1. Mai.

Isaakios ist im zentralen Bildfeld als Halbfigur im Mönchsgewand zu sehen und weist mit seiner rechten Hand auf die Schriftrolle, die er mit der linken Hand hält. Dort steht geschrieben:

„Sorgt euch nicht, meine Brüder, sondern bedenkt, wenn denn das Werk meiner Mühen Gott wohlgefällig sein wird, so wird dieser heilige Ort nicht schwinden, sondern sich erweitern nach meinem Hinscheiden...“

(Übers.: Dr. Jean-Paul Deschler, Basel)

Besonders interessant ist die lange Inschrift in der Kartusche unten, in der die Abschaffung der Leibeigenschaft durch den Zaren Aleksander II. am 3. August 1861 gefeiert wird (sie ist nicht in Gänze zu entziffern):

„Im Jahr 1861, am dritten August, dem Tag des ehrwürdigen Isaakios vom Dalmatos-Kloster, des Wundertäters, erklärten uns Gott und unser Herrscher, Kaiser Aleksander II., die Freiheit. Mit Lichtern feiere also das ... Geschenk, die himmlische Gnade. Der ... Mund singt dir einen gebührenden Hymnus, Vorbote des mit dem Himmel ankommenden Königs. ...  im Tempel der Natur ... und es fliegt der dankbare Ruf unter der Himmelswölbung, inmitten der Rufe der ...  Natur. Gebet, Ruhm und Lob sei dem Herrn des Erdkreises an diesem prachtvollen Tag der gewonnenen Freiheit vom Joch der Leibeigenschaft ... die Gebete senden zum Himmel, das erste im Gedenken an den frommen Fürsten Aleksander (Nevskij), einst unbesiegbar ... der Wahrheit und der Frömmigkeit, das zweite zur Feier des Namenstags des gesegneten Gesalbten Autokrators, unseres allerfrömmsten selbstherrschenden großen Herrn und Kaisers Aleksander Nikolaevič von Ganz Russland. Es lebe unser Car’, ...  seine Kinder, ... Ehre und Ruhm.“ 

(Übersetzung: Dr. Jean-Paul Deschler, Basel)

Inschriften mit aktuellen historischen Bezügen sind auf Ikonen äußerst selten. Die Verkündung der Freilassung erfolgte nicht zufällig am 3. August, dem Gedenktag des Patrons der Dynastie, der aus diesem Grund auf der Ikone zu sehen ist. Der Text schlägt zudem den Bogen vom politischen und religiösen Helden Aleksandr Nevskij bis zu den „Großen Reformen“ des Zaren Aleksandr II. (1855–1881). Der enthusiastische Ton lässt darauf schließen, dass die Ikone unmittelbar nach der Aufhebung der Leibeigenschaft  entstanden ist. Doch blieb diese Reform von oben halbherzig. Die Leibeigenen wurden zwar rechtlich frei, Eigentümer des von ihnen bewirtschafteten Landes war aber weiterhin der Gutsherr. Zwar bekamen die Bauern ein Anrecht darauf, ihr Land zu erwerben, mussten sich dafür aber in der Regel hoch verschulden. An den sozialen Verhältnissen änderte sich somit wenig: Der Gutsherr blieb reich, der Bauer arm. Die meisten Betroffenen machten allerdings nicht den Zaren, sondern die adligen Grundherren verantwortlich, die den wahren Willen des Zaren nicht umsetzen würden. Dazu passt der Lobpreis des Herrschers auf der Ikone. Nur langsam sickerte die Erkenntnis durch, dass die Bauern vom Zarenhaus nicht mehr zu erwarten hatten. Alles in allem löste diese Form der Freiheit allgemeine Enttäuschung aus.

In der Inschrift wird ausdrücklich gesagt, dass „Gott und unser Herrscher“ „uns“ die Freiheit erklärt haben. Die Ikone stellt somit eine Äußerung der eher selten zu Wort kommenden Bauern dar, die von der Reform profitieren sollten. Hat vielleicht eine Dorfgemeinschaft zusammengelegt, um die sehnsüchtig erwartete Freiheit mit der Stiftung einer wertvollen Ikone zu feiern? In jedem Fall handelt es sich bei der sehr qualitätsvollen Ikone auch um ein wichtiges Zeugnis für die sozialen Verhältnisse im Russischen Reich.

Die Verkündigung an Maria

Das Fest der Verkündigung (griech. euangelismos, russ. blagoveščenie) an Maria, das am 25. März – also genau neun Monate vor der Geburt Christi – gefeiert wird, gehörte schon früh zu den Hauptfesten der Kirche. Denn der Augenblick, in dem Maria dem Ratschluss Gottes zustimmte, aktiv an der Erlösung der Menschheit teilzunehmen, gilt als Augenblick der Inkarnation, der Menschwerdung Christi. So ist auf einer der frühesten russischen Verkündigungs-Ikonen aus Ustjug (13. Jhd., heute Tretjakov-Galerie, Moskau) das Jesuskind auf der Brust der Gottesmutter bereits zu sehen. Darstellungen der Verkündigung erschienen ab dem 5. Jahrhundert in größerer Zahl, nachdem Maria auf dem Konzil von Ephesos ausdrücklich als Theotokos (Gottesgebärerin) anerkannt worden war - z. B. zeigt ein Mosaik auf dem Triumphbogen von Santa Maria Maggiore in Rom die Verkündigung an die thronende Gottesmutter durch einen herabschwebenden Engel. Noch etwas früher wird die plastische Wiedergabe auf dem sog. Pignata-Sarkophag in Ravenna datiert.

Die Verkündigung wird nicht nur im kanonischen Lukas-Evangelium erzählt, sondern auch im sogenannten Protevangelium des Jakobus, einer apokryphen Schrift aus dem 2. Jahrhundert, die aber für die Glaubensvorstellungen, die Liturgie und die christliche Ikonographie sehr wichtig war. Als Maria eines Tages, während sie mit dem Spinnen von Purpur beschäftigt war, an einem Brunnen Wasser holen wollte, geschah nach diesem Text folgendes:

Und siehe, eine Stimme sprach: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr sei mit dir, du Gepriesene unter den Frauen!“ Und sie blickte sich um nach rechts und nach links, woher diese Stimme wohl käme. Und es kam sie ein Zittern an. Da ging sie heim in ihr Haus und stellte den Krug ab. Dann nahm sie den Purpur und setzte sich auf ihren Sessel und zog ihn zu Fäden, und siehe, ein Engel des Herrn trat vor sie hin und sprach: „Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade gefunden vor dem Gebieter über alles, und du sollst empfangen aus seinem Wort.“ Als sie das aber hörte, bekam sie bei sich Zweifel und sagte: „Soll ich empfangen vom lebendigen Gott her und gleichwohl gebären, wie jede Frau gebiert?“ und es sprach der Engel des Herrn: „Nicht so, Maria! Denn die Kraft des Herrn wird dich überschatten. Deswegen wird auch das, was von dir geboren wird, heilig, nämlich Sohn des Höchsten genannt werden. Und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden.“ Und Maria sprach: „Siehe, des Herrn Magd will ich gern sein vor ihm; mir geschehe, wie du gesagt hast!“

Den Gruß des Erzengels Gabriels am Brunnen bezeichnet man als Vorverkündigung - Maria erschrickt, eilt zurück ins Haus (an dessen Stelle die Verkündigungs-Basilika errichtet wurde) und fährt fort, den Purpur zu spinnen (Purpur als Herrschafts-Farbe verweist bereits auf den kommenden König), worauf die eigentliche Verkündigung folgt. Darstellungen der Vorverkündigung sind relativ selten - zu den bekannteren Zeugnissen gehören Mosaiken in San Marco in Venedig und im Chora-Kloster in Istanbul.

Im Ikonen-Museum Recklinghausen gibt es beide Motive: Eine wunderschön gemalte Ikone vom Beginn des 20. Jahrhunderts (die allerdings wesentliche Grundzüge von Ikonen aus der Zeit etwa zwischen 1780 und 1840 übernimmt) aus Russland (wohl Mstera oder Palech) zeigt die Vorverkündigung am Brunnen. Die äußerst feine und detailreiche Malerei, die graziöse Haltung der Jungfrau Maria und die delikate und etwas kühle Farbgebung ergeben ein Bild von höchster poetischer Stimmung, wie es nur selten in der späten Ikonenmalerei zu finden ist.

Das Grundschema der Verkündigung im Haus ist auf einer schönen kretischen Ikone aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts gut zu erkennen, die vielleicht von dem berühmten Maler Andreas Ritzos (1421–1492) oder seinem Sohn Nikolaos (gest. vor 1507) gemalt wurde. Vor einer Architekturkulisse steht die Gottesmutter vor einem Sessel mit Sitzkissen. In der linken Hand erkennt man noch den Purpurfaden. Sie wendet sich dem dynamisch heranschreitenden Gabriel zu, der sie mit ausgestreckter Hand im Redegestus begrüßt, während er in der anderen Hand einen Botenstab hält. Die rechte Hand Marias ist in ihr Gewand eingewickelt – diese seltsame Haltung geht letzlich auf die Darstellung von Rhetoren in der antiken Kunst zurück, wo sie ein Zeichen wohlüberlegter Rede war (ein gutes Beispiel ist die Statue des Aischines aus der Villa dei Papiri in Herculaneum, heute im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel). Durch das feste Umwickeln der Hand sollte verhindert werden, das begabte Redner – etwa bei Auftritten vor Gericht – sich zu emotionalen "großen Gesten" hinreißen ließen – allein durch wohlgesetzte Worte sollte ihr Auftritt überzeugen. Seit der sog. palaiologischen Renaissance (13./14. Jahrhundert), die in der kretischen Malerei fortlebte, ist sie bei Darstellungen von Aposteln und anderen Wortverkündern häufig anzutreffen. Hier drückt es die überlegte, demütig-zurückhaltende und doch beeindruckende Reaktion der Maria auf die Verkündigung des Engels aus.

Das ikonographische Grundschema des Motivs wurde nur in Details variiert. Zwischen den oberen Architekturelementen hängt oft ein Stoffstreifen, womit angedeutet wird, dass sich das Geschehen in einem Innenraum abspielt; häufig sitzt die Gottesmutter auf dem Sessel, manchmal hat sie den Körper leicht vom Erzengel weggedreht, dem sie aber auch dann immer den Kopf zuwendet (Ikone aus Novgorod, 15. Jahrhundert).

Öffnungszeiten
Preise
* Schüler*innen, Auszubildende, Studierende, Gruppen ab 10 Personen, Inhaber*innen des Recklinghausen Passes bzw. ein entsprechender Ausweis anderer Gemeinden, Inhaber*innen der Ehrenamtskarte NRW.
Das Ikonen-Museum ist barrierefrei zugänglich.

Führungen
Die öffentlichen Führungen sind kostenfrei, es muss lediglich das Eintrittsgeld entrichtet werden.

Die Kosten für eine gebuchte Führung betragen 55,- Euro pro Gruppe (max. 15 Personen). Anmeldung unter Telefon (02361) 50 19 41.
Anschrift
Anfahrt
Das Ikonen-Museum liegt in der verkehrsberuhigten Innenstadt gegenüber dem Turm der Petruskirche.